7 Hinweise zur Auswahl von Gehörschutz

Zunächst werden Angaben zum am Arbeitsplatz auftretenden Lärm und zum Gehörschutz benötigt. Dann kann der Restschalldruckpegel ermittelt werden.

In den Zeiten, in denen mit Sicherheit keine Gehörgefährdung vorliegt, ist das Tragen von Gehörschutz nicht erforderlich.

7.1 Benötigte Angaben

Für die Berechnung des Restschalldruckpegels bzw. des Restspitzenschalldruckpegels benötigt man:

Der Tages-Lärmexpositionspegel LEX,8h ist der über eine Arbeitsschicht gemittelte Schalldruckpegel, bezogen auf eine Achtstundenschicht und wird in dB(A) angegeben. Der Spitzenschalldruckpegel LpC,peak ist der höchste vorkommende Schallpegel innerhalb einer Schicht und wird in dB(C) gemessen.

Der Tages-Lärmexpositionspegel und der Spitzenschalldruckpegel sind im Rahmen der Gefährdungsbeurteilung vom Unternehmer bzw. der Unternehmerin zu ermitteln. Etwa 85 % aller Geräusche am Arbeitsplatz sind mittel- bis hochfrequent (Geräuschklasse HM), etwa 15 % aller Geräusche sind im tieffrequenten Bereich angesiedelt (Geräuschklasse L). Die Tabellen 4 und 5 enthalten Beispiele für die verschiedenen Geräuschklassen. Die Zuordnung zu einer der beiden Geräuschklassen kann nach dem subjektiven Klangeindruck erfolgen.

Tabelle 4 Geräuschklasse HM – mittel- bis hochfrequente Geräusche

Geräuschquellen der Geräuschklasse HM – mittel- bis hochfrequent mit LC – LA ≤ 5 dB
Brennschneider
Rollenrotations-Hochdruck-Pressen
Dragiertrommeln
Rüttelformmaschinen
Druckluftdüsen
Schlagschrauber
Elektro-Nagler
Schleifmaschinen
Falzmaschinen
Schmiedehämmer
Getränkeabfüllanlagen
Spinnmaschinen
Gussputzarbeiten
Strick- und Wirkmaschinen
Holzbearbeitungsmaschinen
Trennschleifmaschinen
Honmaschinen
Webmaschinen
Hydraulikpumpen
Zentrifugen

Tabelle 5 Geräuschquellen der Geräuschklasse L – überwiegend tieffrequente Geräusche

Geräuschquellen der Geräuschklasse L – überwiegend tieffrequent mit LC – LA > 5 dB
Bagger
Konverter-Anlagen
Elektro-Schmelzöfen
Elektro-Umformersatz
Kupol-Öfen
Feuerungen
Metall-Druckgießmaschinen
Hochofenanlagen
Planierraupen
Kollergänge
Strahlanlagen
Kompressor-Anlagen (Kolben)
Verbrennungs-Öfen

Der Wert LC - LA kann bei Bedarf messtechnisch ermittelt werden, um ein Geräusch zu charakterisieren.

Dabei ist:

Weiterführende Informationen finden sich in den Anhängen 1 und 2.

7.2 Angaben zum Gehörschutz

Aus der Kennzeichnung des Gehörschutzes sind unter anderem folgende Dämmwerte zu entnehmen:

H-Wert (High = Dämmwert für hochfrequente Geräusche)

M-Wert (Medium = Dämmwert für mittelfrequente Geräusche)

L-Wert (Low = Dämmwert für tieffrequente Geräusche)

SNR-Wert (Single Number Rating = Einzahlschalldämmwert)

Zur Auswahl von Gehörschutz werden üblicherweise die M- und L-Werte herangezogen.

7.3 Geringere Schalldämmung von Gehörschützern in der Praxis

Kontrollen der tatsächlichen Schutzwirkung von Gehörschützern haben ergeben, dass die bei der Baumusterprüfung erzielten Dämmwerte in der Praxis meist nicht erreicht werden (reduzierte Praxisschalldämmung).

Als Korrekturwerte KS für die Benutzung von Gehörschutz in der Praxis werden verwendet:

Art des Gehörschutzes Praxisabschlag KS in dB
Vor Gebrauch zu formende Gehörschutzstöpsel KS = 9 dB
Fertig geformte Gehörschutzstöpsel KS = 5 dB
Bügelstöpsel KS = 5 dB
Kapselgehörschutz KS = 5 dB
Gehörschutz-Otoplastiken mit Funktionskontrolle vor
der ersten Verwendung und danach regelmäßig im
Abstand von maximal 3 Jahren
KS = 3 dB

Bei Extremsituationen mit Verwendung von Kombinationen aus Gehörschutzstöpseln und Kapselgehörschutz ist je nach Stöpselart ein Wert von Ks = 9 dB bzw. 5 dB anzunehmen.

Für tieffrequente Spitzenschalldruckpegel sind entsprechend der DGUV Regel 112-194 "Benutzung von Gehörschutz" besondere Regeln zu beachten. Die Schalldämmung wird durch dabei entstehende Leckagen weiter verringert. Es ist ein zusätzlicher Praxisabschlag von 5 dB auf den L-Wert erforderlich.

Möchte man aufgrund der oben genannten reduzierten Praxisschalldämmung bei einer Person für einen bestimmten Gehörschutz die exakte Schalldämmung bestimmen, spricht man von der individuellen Schalldämmung. Dafür gibt es mehrere grundlegende Messtechniken. Gebräuchlich ist die Audiometrie.

Gehörschutz-Otoplastiken müssen individuell überprüft werden (verpflichtende Funktionskontrolle). Aber auch für alle anderen Gehörschutzarten empfiehlt sich eine Überprüfung der individuellen Schutzwirkung. Diese kann in die Unterweisung mit praktischen Übungen integriert werden (siehe Abschnitt 9.1).

Eine ausführliche Zusammenstellung der möglichen Messmethoden inkl. Messysteme und Anwendungshinweise findet sich in der DGUV Information 212-003 "Messsysteme zur Bestimmung der individuellen Schutzwirkung von Gehörschutz".

7.4 Ermittlung des Restschalldruckpegels

Geräuschklasse HM:
Restschalldruckpegel in dB(A) = Tages-Lärmexpositionspegel – (M-Wert – Ks)

Geräuschklasse L:
Restschalldruckpegel in dB(A) = Tages-Lärmexpositionspegel – (L-Wert – Ks)

7.5 Ein praktisches Beispiel

Schweißnähte an Blechen werden mit einer Winkelschleifmaschine nachbearbeitet.

  1. Angaben zum Lärm:
  2. Angaben zum Gehörschutz:
    Im Betrieb bereits vorhanden ist ein Kapselgehörschutz mit einem M-Wert von 25 dB und einem L-Wert von 19 dB.
  3. Ermittlung des Restschalldruckpegels:
    Restschalldruckpegel in dB(A) = Tages-Lärmexpositionspegel – (M-Wert – Ks)
    = 97 dB(A) – (25 – 5) dB
    = 77 dB(A)

Folgerung:

Der Restschalldruckpegel unter dem Gehörschutz liegt in dem empfohlenen Pegelbereich von 70 bis 80 dB(A). Der Gehörschutz ist für den Beschäftigten an diesem Arbeitsplatz geeignet. Es gibt noch andere Auswahlverfahren (siehe DGUV Regel 112-194 "Benutzung von Gehörschutz").

Der Spitzenschalldruckpegel liegt unterhalb des unteren Auslösewertes des Spitzenschalldruckpegels von 135 dB(C) und muss deshalb nicht berücksichtigt werden.

7.6 Einfluss der Tragezeit im Lärm

Das konsequente Tragen von Gehörschutz ist für den Restschalldruckpegel am Ohr des Benutzers bzw. der Benutzerin entscheidend. In der folgenden Abbildung wird gezeigt, dass die Schutzwirkung nur noch 3 dB beträgt, wenn der Gehörschutz statt 8 nur 4 Stunden getragen wird. Die unterschiedlichen Schalldämmungen von 10 bzw. 30 dB haben darauf keinen Einfluss.

Abb. 14 Effektive Dämmung eines Gehörschützers mit 30 bzw. 10 dB Schalldämmung in Abhängigkeit von der Expositionszeit, bezogen auf eine 8-Stunden-Schicht

Abb. 14 Effektive Dämmung eines Gehörschützers mit 30 bzw. 10 dB Schalldämmung in Abhängigkeit von der Expositionszeit, bezogen auf eine 8-Stunden-Schicht

Aber auch bei kurzzeitigem Nichttragen über eine Schicht (zum Beispiel in Summe 30 min) wird die Schutzwirkung deutlich reduziert. Bei einer nominellen Schalldämmung von 30 dB beträgt die effektive Dämmung dann nur noch 12 dB.